Antijüdisches Denken

„Judenfeindschaft“ umfasst wesentlich mehr als „nur“ Vorurteile gegen Juden und Jüdinnen. Die judenfeindliche Ideologie dient als Modell zur Erklärung der Welt, als Erklärung für unverstandene gesellschaftliche Phänomene, Krisen und Umbrüche. Diese werden vor allem durch Verschwörungstheorien und mit Hilfe tradierter Feindbilder gedeutet: Juden auf der ganzen Welt werden für Entwicklungen verantwortlich gemacht, die als bedrohlich wahrgenommen werden - vom Kapitalismus bis zum Kommunismus, vom Krieg bis zur Globalisierung.

Antijüdisches Denken hat eine lange Geschichte und viele Gesichter. Bereits seit der Antike gibt es in Europa eine religiös motivierte Judenfeindschaft, die als Antijudaismus bezeichnet wird. Der Antijudaismus richtet sich gegen Jüdinnen und Juden als AnhängerInnen einer anderen Religion und soll eine Überlegenheit des Christentums gegenüber dem Judentum sichern helfen.

Vor dem Hintergrund der großen gesellschaftlichen Veränderungen, die die Moderne mit sich brachte, entwickelte sich aus dem Antijudaismus der moderne Antisemitismus. Dieser Begriff wurde Ende des 19. Jahrhunderts von einem der Vordenker der antisemitischen Bewegung geprägt, die sich gegen die Gleichstellung der Juden in Europa und gegen alles wandte, was als „jüdisch“ angesehen wurde. Als ein Produkt der bürgerlichen Industriegesellschaft sowie des Nationalismus ist der Antisemitismus politisch, wirtschaftlich und rassistisch motiviert. „Die Juden“ werden als einheitliche Gruppe mit bestimmten (negativen) Merkmalen und Verhaltensweisen, als „die Anderen“ konstruiert, die im absoluten Gegensatz zur eigenen „Wir-Gruppe“ stehen und deren Existenz bedrohen. Während des Nationalsozialismus führte dieses Denken dazu, dass von Deutschland ausgehend in Europa sechs Millionen Menschen jüdischer Herkunft ermordet wurden.

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